Für die Untersuchung rekrutierte das Forschungsteam 518 Personen: 200 mit diagnostizierter koronarer Herzkrankheit (KHK) und 318 gesunde Freiwillige. Von allen wurden Gesicht und Zunge mit einem eigens dafür entwickelten Scansystem fotografiert. Ein Deep-Learning-Modell wertete die Bilder aus und suchte nach Mustern, die mit einer KHK zusammenhängen könnten. Die Kombination beider Bildarten schnitt besser ab als die getrennte Auswertung von Gesicht oder Zunge.
Die beste Modellversion erreichte in einem Test mit 104 Personen eine Genauigkeit von 98 Prozent. Sie erkannte alle 40 Personen mit KHK, stufte aber auch zwei gesunde Teilnehmende fälschlich als erkrankt ein. Besonders berücksichtigt wurden die Mitte und der Belag der Zunge sowie die Haut um den Mund und an den Wangen. Bei einigen Erkrankten waren die Zungen dunkler oder stärker belegt, zudem zeigten sich Veränderungen der Gesichtspigmentierung. Das Forschungsteam sieht Überschneidungen mit Beobachtungen aus der traditionellen chinesischen Medizin. Die Untersuchung belegt jedoch nicht, dass diese sichtbaren Merkmale durch verengte Herzkranzgefäße verursacht werden.
Die Ergebnisse stammen aus einem Vergleich bereits diagnostizierter Erkrankter mit gesunden Freiwilligen. Das unterscheidet sich von einem Screening in der Allgemeinbevölkerung, in der weitere Erkrankungen und unterschiedliche Herz-Kreislauf-Risiken vorkommen. Außerdem entstanden die Fotos bei kontrollierter Beleuchtung und mit Spezialausrüstung. Das Modell wurde nicht in anderen Kliniken oder Bevölkerungsgruppen getestet. Auch ist nicht ausgeschlossen, dass es Merkmale wie Alter, andere Krankheiten oder weitere Unterschiede zwischen den Teilnehmenden erfasst hat. Bei einem Teil der gesunden Freiwilligen wurde die Herzkranzgefäß-Diagnose nicht durch Bildgebung überprüft.
Die KHK entsteht, wenn sich die Herzkranzgefäße durch Ablagerungen verengen. Zur Einschätzung des Risikos berücksichtigen Ärztinnen und Ärzte derzeit unter anderem Alter, Rauchen, Blutdruck, Cholesterin und Diabetes. Bei Verdacht kommen etwa EKG, Bluttests oder spezielle bildgebende Untersuchungen infrage. Ob Fotos eine sinnvolle Ergänzung sein könnten, müssten größere Studien mit längerer Beobachtung und Vergleichen mit bestehenden Risikoprüfungen klären. Dabei müsste auch geprüft werden, ob das Verfahren andere Ursachen für sichtbare Veränderungen unterscheiden und tatsächlich unerkannte Erkrankungen aufdecken kann.
