Die sokratische Methode setzt nicht bei einer fertigen Erklärung an, sondern bei Fragen. In Platons Dialogen prüft Sokrates Menschen, die annehmen, etwas über ein Thema zu wissen. Sie sollen zunächst eine Definition oder ein Prinzip formulieren und auf Nachfragen eingehen. Aus ihren Antworten entwickelt Sokrates weitere Fragen und prüft, ob die Aussagen zusammenpassen.
Dabei geht es nicht nur darum, eine falsche Definition aufzudecken. Im Verlauf des Gesprächs erkennt die befragte Person mitunter, dass ihr vermeintliches Wissen nicht trägt. Dieser Zustand der Ratlosigkeit heißt Aporie. Der Beitrag beschreibt ihn als wichtigen Teil des Verfahrens: Wer die eigenen Wissenslücken erkennt, weiß zumindest, dass die bisherige Antwort nicht genügt.
Als Beispiel dient Platons Dialog „Euthyphron“. Darin trifft Sokrates auf Euthyphron, der seinen Vater wegen Mordes anklagen will und sein Vorgehen für fromm hält. Sokrates fragt ihn, was Frömmigkeit ausmacht. Die Antworten werden im Gespräch geprüft, bis Euthyphron die Untersuchung abbricht. Die Dialoge fordern laut dem Beitrag auch ihre Leser dazu auf, die Fragen selbst weiterzudenken, statt die Aussagen der Figuren einfach zu übernehmen.
Der Ansatz wird vor dem Hintergrund verbreiteter KI-Nutzung im Studium diskutiert. KI kann unter bestimmten Bedingungen mindestens 65 Prozent der Fragen in MINT-Fächern richtig beantworten. Für geisteswissenschaftliche Fächer stellt sich laut dem Beitrag daher besonders die Frage, wie sich kritisches und kreatives Denken entwickeln und beurteilen lässt. Die sokratische Methode bietet dafür ein Modell, bei dem nicht allein eine Antwort zählt, sondern auch, wie jemand Begriffe erklärt und auf Einwände reagiert. Sie wird als Anregung für heutige Lehr- und Lernformen vorgestellt, nicht als festgelegtes Prüfungsverfahren.
